Lieber Henryk Broder,
in Ihrer kleinen Kolumne in der Welt stellen Sie die Frage, wie weit die Emanzipation der Lesben, Schwulen und Transgender gehen müsse, um als vollendet zu gelten.
Die Antwort darauf ist einfach. Sie ist vollendet, wenn ich als Schwuler gleich behandelt werde, wie jeder heterosexuelle Mensch.
Sie ist vollendet, wenn ich als Bürger nicht nur die gleichen Pflichten, sondern auch die gleichen Rechte habe.
Wenn ich z.B. auch in Baden-Württemberg in jeder Gemeinde auf dem Standesamt heiraten kann und dafür die gleichen Gebüren bezahle wie ein heterosexuelles Paar. Sie ist vollendent, wenn ich mit meinem Partner steuerlich gleich behandelt werde, wie ein kinderloses heterosexuelles Paar. Sie ist vollendet, wenn Jugendliche keine Angst mehr haben, Ihren Eltern zu sagen, dass sie homosexuell sind. Sie ist vollendet, wenn es unter homosexuellen Jugendlichen keine höhere Selbstmordquote mehr gibt als unter heterosexuellen Jugendlichen. Sie ist vollendet, wenn Hasstiraden gegen Schwule und Lesben, sei es durch evangelikale Christen in den USA, durch katholische Geistliche bis hin zum Papst, durch Politiker oder wen auch immer die gleiche Empörung verursachen, wie Hasstiraden gegen andere Minderheiten.
Ich scheiße auf Gay-Kreditkarten, Gay-Banking oder Gay-sonstwas. Ich möchte einfach nur gleich behandelt und respektiert werden, wie Sie als Hetero.
Die Probleme der Schwulen und Lesben in Deutschland mögen im Vergleich zu den Problemen der Schwulen im Iran, wie sie auf der Achse des Guten schreiben, Luxusprobleme sein. Sie haben sicher auch Recht, wenn Sie die CSDs als zu unpolitisch kritisieren, auch ich habe noch nie einen CSD-Wagen gesehen, der auf die Situation von Schwulen und Lesben im Iran hingewiesen hätte. Wie Sie finde ich die geplanten Proteste gegen den Papstbesuch etwas sonderbar. Aber vielleicht sind sie auch ein hoffnungsvoller Anfang. Schließlich war sich die katholische Kirche in der Vergangenheit nie zu schade, bei der UN gemeinsam mit islamofaschistischen Diktaturen gegen die Anerkennung von Schwulen und Lesben zu kämpfen. Und wer weiß - wenn Katholiken in den USA ihre tausende von Dollars statt für den Kampf gegen die Homoehe
für den Kampf für Freiheit und Demokratie spenden, wenn evangelikale Christen gegen menschenverachtende Diktatoren statt auf Beerdigungen von ermordeten schwulen Jugendlichen demonstrieren, wenn Christen weltweit die christliche Botschaft ernst nehmen, vielleicht könnten dann auch die vielen unterdrückten Christen, insbesondere in der islamischen Welt, die Freiheit genießen, die wir uns hier in der westlichen Welt zu Glück - und oftmals gegen den Widerstand der Kirchen - schon erkämpft haben.
Montag, 27. Juni 2011
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